Der anerkannte Underdog
NBA-Kolumne von Kai Jentson
Kommt Euch folgendes Szenario bekannt vor:
Die Phoenix Suns spielen großartigen und erfolgreichen Basketball und allmählich werden die Stimmen lauter, dass Steve Nash, ihr bester Spieler, auch zum wertvollsten Spieler der Saison gekürt werden sollte. Da die meisten Steve Nash mögen und respektieren gibt es an den Stimmen keine Kritik.
Man ist allenfalls überrascht das Nash so gut spielt, schließlich gilt er nicht als guter Verteidiger, einer der die Offense gut aussehen lässt, der Zuschauer in die Halle holt, aber der nicht dafür sorgt, dass sein Club viel gewinnt. Da aber Siegstatistiken nicht lügen, nimmt man überrascht zur Kenntnis, dass Nash anscheinend doch irgendwie seiner Mannschaft zum Sieg verhilft.
So oder ähnlich, war es als Nash in der Saison 2004/05 zu den Suns wechselte, und die Suns auf Anhieb vom 23.Team zum besten Team der NBA-Vorrunde wurden. Kein Wunder das Nash MVP wurde.
So war es, als die Suns trotz des Ausfalls vom Amare Stoudemire noch das fünftbeste Team der Liga waren. Ihn hatte keiner auf dem Zettel, aber bei dem Erfolg musste er einfach MVP werden.
Diese Saison: die Suns sind gerade nicht zu schlagen, haben ihr zwölftes Spiel in Folge gewonnen und auch Nashs persönliche Statistiken sind beeindruckend (20,3 Punkte, 3 Rebounds und 11,8 Assists pro Spiel).
Jedes Jahr das gleiche Spiel
Wieder sind alle überrascht, honorieren Nash und wählen ihn wahrscheinlich zum MVP. Nur wie kann man drei Mal in Folge vom selben Ergebnis überrascht sein. Anscheinend passt Nash so gar nicht in das Bild des erfolgsorientierten Spielers, er sieht deutlich schmächtiger aus als seine direkten Gegenspieler und ist in der defensive nicht überragend. Auch wirkt er unkonventionell und verspielt. Was man schnell vergisst ist, das Nash trotzdem kein Unsicherheitsfaktor ist, im Gegenteil, er nimmt nur noch gute Würfe (Trefferquoten von 52,8 % vor und 48,8 % hinter der Dreipunktelinie sprechen für sich) und findet stets freie Mitspieler bzw. nimmt Würfe wenn es drauf ankommt.
Insgesamt gibt es zurzeit keinen Aufbauspieler der ein derart komplettes Spiel aufweisen kann (am Nächsten kommen dem noch Chris Paul und Jason Kidd).
Bei Karriereende mehr Auszeichnungen als Michael Jordan?
Die Ironie an der ganzen Geschichte ist, dass sich die persönlichen Auszeichnungen von Steve Nash, aufgrund seines ewigen Underdogstatus noch deutlich vermehren können. Journalisten lieben es geradezu eine Überraschung zu präsentieren und nicht den Spieler zu küren, mit dem sowieso jeder rechnete. Außerdem war David schon immer beliebter als Goliath. Das einen Nash eigentlich nicht mehr überraschen sollte wird ohnehin ignoriert. Ich prophezeie deswegen das Nash am Schluss seiner Karierre (falls er keine schwere Verletzung erleidet) ebenso viele MVP-Titel wie Jordan (5) sammeln wird. Bei Jordan gab es genau das entgegengesetzte Phänomen, jeder wusste, er ist der Beste, also wollte man ihn nicht mehr zusätzlich küren.
