Ein Interview mit Lila Amara (vom 07. Mai 2008) zu Capoeira
Lila ist 27 Jahre, kommt aus Frankreich, Orléans, und arbeitet in einer Hamburger Online Marketing Agentur. Hi Lila – ein paar Fragen an Dich: Seit wann machst Du Capoeira?
„Hier in Hamburg seit etwa 5 Monaten. Angefangen habe ich im Juni 2007 in Siegen, wo ich als Erasmus-Studentin ein Jahr studierte.“
Wie kamst Du auf Capoeira?
„Eigentliche wollte ich immer Capoeira machen – irgendwann mal habe ich Capoeira auf der Straße gesehen – später habe ich in der Zeitung einen Artikel gelesen, wo eine (meine dann zukünftige) Gruppe eine Show auf der Straße machte. Ich habe mir die Show angesehen und wir sind nach der Show direkt zu einer Sporthalle gefahren - dort gab es einen Workshop mit mehreren Trainern. Seitdem mache ich Capoeira.“
Seit wievielen Jahren trainierst Du also schon insgesamt?
„Also seit 7 Monaten etwa, hm schon soviel? Zuerst war es ein- bis zweimal die Woche.“
Jetzt trainierst Du öfter?
„3 mal pro Woche.“
Hast Du oft Muskelkater?
„Schon. Man hat fast immer Muskelkater – jedes Mal trainiert man einen anderen Muskel am Körper. Immer wenn man eine neue Bewegung lernt und übt kommen neue Muskeln dazu, die man noch nicht benutzt hat.“
Warst Du in verschiedenen Gruppen? Gab es dort unterschiede? Wo hat es Dir am besten gefallen?
„Ja, ich habe in einer Gruppe in Siegen angefangen – Bei Professor (Cabeca), die Gruppe hieß Cadencia. Jetzt in Hamburg bin ich bei der Gruppe Expressao Paulista.“
Gab es Unterschiede?
„Ja sicher–„
Wie kann man sich das vorstellern?
„Hm, es gibt einen Unterschied ob man bei jemanden trainiert der seit 15 Jahren Capoeira macht und jemandem der das seit über 30 Jahren macht. Man bekommte eine ganz andere Erfahrung. Auch liegen Welten zwischen einem Maestre und einem Professor.
Obwhol das Capoeira bei dem Professor aus der ersten Gruppe war sehr gut. Jeder Capoeirista hat eine ganz andere Art oder Stil Capoeira zu spielen.“
Capoeiristas – So nennt man die Leute, die Capoeira machen?
„Genau. Es hängt in der Regel vom Lehrer ab. In Siegen war das ein ganz anderer Stil. Die Bewegungen sind bei jeder Gruppe anders. Die Grundbewegungen sind immer gleich, aber jeder hat einen anderen Stil entwickelt dazu.“
Warum machst Du Capoeira?
„Keine Ahnung – weil es wie eine Droge ist – Das ist das Gefährliche daran. Wenn du einmal anfängst kannst Du nicht mehr aufhören.
Es ist nicht nur körperliche Betätigung -auch Geistige. Capoeira ist für mich der kompletteste und komplexeste Sport. Er mischt Kultur, Geschichte, Singen, Tanzen, Kämpfen. Es ist eine ganz komplette Sache. Es tut nicht nur körperlich gut sondern auch geistig. Du fühlst Dich wie ein Kind, dass lustige Bewegungen machen soll. Wenn Du ein Kind bist machst Du eine Radschlag ohne dass Du Angst hast. Wenn Du älter bist hast Du davor eher Angst und denkst: Das kann ich nicht.
Du musst alle Bewegungen mitmachen.
Aber es ist eine richtige Kampfsportart. Es ist ein Kampf. Alle Leute die das auf Straße sehen, denken es ist ein Tanz . Aber der Kampf wurde in einen Tanz verkleidet, weil er verboten war. Deswegen denken viele Leute heute noch dass es kein Kampf ist, obwohl man sich richtig wehtun kann.
Es ist wirklich ein ernster Kampf Du kannst Dir richtig wehtun wenn Du nicht aufpasst oder Dich nicht schützt durch eine Verteidigungstechnik.“
Spielst Du ein Capoeira-Instrument, bzw. was ist Dein Lieblings Instrument bei Capoeira?
"Jein" (macht eine Pause) - "ja ich habe gerade angefangen, man braucht Zeit es zu lernen. Ein bisschen von Allem – Atabaque, Berimbau oder .. (überlegt) eigentlich von allem ein Bisschen. Es sind etwa 4-5 Instrumente. Hm, sie machen alle genauso viel Spaß.“
Wie groß ist die Gruppe in der Du trainierst?
„Es wechselt, in Hamburg gibt es bei meiner Gruppe 3 Trainingsgruppen die an unterschiedlichen Tagen und Uhrzeiten trainieren, die Leute wechseln zwischen den Gruppen. Manchmal kann einer am Mittwoch kommen, manchmal am Donnerstag. Man trifft öfter die Gleichen, manchmal ist es einer mehr, manchmal einer weiniger. Wieviele sind es - (denkt nach) Ich kann es schlecht sagen – vielleicht 30, 40?“
Wer macht Capoeira?
„Es sind Leute von 12 Jahren ab, ein 12 jähriges Mädchen, das ist die jüngste die ich kenne. Manche sind über 50 Jahre alt. Es sind ganz unterschiedliche Menschen.“
Trainierst Du auch alleine? Dh. übst Du für Dich allein zu Hause?
„Nein, außer Instrumente spielen manchmal, und Musikhören. Ab und zu habe ich mein Capoeira-Fieber, aber meistens übe ich zuhause nicht so viel.“
Habt Ihr eine Trainingskleidung?
„Ja, wir haben eine Trainingskleidung, das ist ein weisser Anzug.
Was bedeutet denn eigentlich Eigentlich "Expressao"?
"Expressao bedeutet mehr Ausdruck. Unsere Capoeira sollte mit Herz gemacht und sehr schön aussehen, mit einem eigenen Ausdruck."
Was magst Du nicht beim Capoeira?
„Was ich nicht mag ist wenn ich es nicht schaffe eine Bewegung zu machen . Das nervt mich tierisch. Aber sonst …nichts.“
Was nimmst Du aus dem Capoeira mit?
„Mehr Disziplin, mehr Sträke, nicht so schnell aufgeben. Ich lerne auch viel von den Geschichten die der Mestre erzählt. Viele Sachen die wir in Capoeira lernen hilft uns im normalen Leben. Capoeira ist eine Welt. Der Kreis in dem wir trainieren stellt eine Capoeira-Welt dar. „
Man sagt Capoeira sei eine Lebensart - hat Capoeira Dein Leben oder sich dadurch Deine Lebenseinstellung verändert?
„Auf jeden Fall Du kriegst eine ganz andere Sicht von der Welt.“
Genauer?
„Sie wird deutlicher. Du hast zum Beispiel durch die Trainingspositionen andere Perspektiven. Es gibt Aha Erlebnisse. Mal ist man gebeugt und sieht von unten herauf, mal bewegt man sich seitlich-schräg, mal gebogen und sieht von oben nach unten. Im Leben kann man auch unterschiedliche Perspektiven einnehmen.“
Wenn Du kein Capoeira mehr machen könntest, was würdest Du dann machen? (Z.B. Cafe trinken, Tennis spielen, auf die Reeperbahn gehen…?)
„Nein, es geht nicht mehr ohne Capoeira. Es geht einfach nicht mehr. Ich fühle mich gut mit Capoeira. Es ist wie eine Droge und es macht so viel Spaß. Man fühlt sich wie ein starker Kämpfer.“
Kann man Capoeira verlernen?
„Vergessen - wenn man eine gute Basis hat kannst Du es nicht vergessen – es ist wie Fahrrad fahren, das verlernt man nicht. Aber man braucht eine gute Basis. Man lernt jedes Mal. Auch Mestres. Man bleibt immer ein Schüler. Man geht beim Training stets an seine Körperliche Grenze. Ein richtiger Capoeistra kann nicht sagen er weiss alles - dann ist er kein richtiger Capoeirista.“
Hast Du schon mal Capoeira mitaufgeführt – auf der Straße oder einer Veranstaltung?
„Ja, schon ein paar Mal - am 23., 24. und 25.Mai haben wir ein „Capoeira-Open“ im Stadtpark in Hamburg. Es gibt einen brasilianischen Grill und mehrere Mestres oder Lehrer kommen von überall auf der Welt. Das ist fast immer so.“
Das geht dann den ganzen Tag?
„Von Freitag Abend bis Sonntag Abend.“
Macht es Spaß so eine Aufführung zu machen?
„Ja – sicher!“
Warum?
„Man lernt Leute kennen. Normalerweise machen bei so einer großen Veranstaltung andere Gruppen mit – die z.B. befreundet sind. Sie kommen um Erfahrungen auszutauschen – denn jeder hat seinen eigenen Stil. Es gibt Leute die nach Herausforderungen suchen.
Die Capoeira Welt ist ganz groß. Mehr oder weniger sind alle ein bisschen Freunde – man kennt sich.“
Vielen Dank Lila – vielleicht sollte ich das auch mal ausprobieren, Capoeira ;)?
